30 OKT

2018

Asset Class , Fixed Income , Nicolas Forest

Wie ESG-Faktoren gegen Populismus absichern

Weltweit ist der Populismus heute so stark ausgeprägt wie seit den 1930er-Jahren nicht mehr. Die italienische Haushaltskrise der letzten Wochen ist weder ein Zufall noch eine Ausnahme – und als Investor sollte man sich hüten, sie zu unterschätzen. In acht Monaten wird das Europäische Parlament neu gewählt, und zweifellos sind „populistische“ Bewegungen in Europa in Mode. Rassemblement National (der frühere Front National) und La France Insoumise in Frankreich, Lega und Fünf-Sterne-Bewegung in Italien, AfD und Die Linke in Deutschland, Ukip in Großbritannien, Podemos in Spanien, PiS in Polen, Fidesz in Ungarn, Syriza in Griechenland, die FPÖ in Österreich, die PVV in den Niederlanden und Vlaams Belang in Belgien – all diese Parteien stehen an der Schwelle zur Macht. Auch in den USA und Lateinamerika nimmt der Populismus, wie zuletzt der Sieg von Jair Bolsonaro in Brasilien zeigt, zu. 

Nach einer Bloomberg-Studie[1] entfallen heute 41Prozent des BIP der G20 auf Länder mit populistischen Regierungen, gegenüber nur 4 Prozent im Jahr 2007. Freedom House zufolge gab es bei Freiheits- und Bürgerrechten 2017 erhebliche Rückschritte. Wir stehen wieder da, wo wir 2007 standen, oder wo wir uns vor dem Zusammenbruch des Ostblocks befanden, wenn wir die weitere Verschlechterung im Jahr 2018 ebenfalls berücksichtigen. 

Populismus ist populär. Konkret zeigt sich das darin, dass die Unabhängigkeit der Notenbanken infrage gestellt wird, internationale Institutionen kritisiert werden und der Protektionismus zunimmt. Die Trump-Administration ist hierfür das perfekte Beispiel; man denke an die noch nicht da gewesene Kritik eines Präsidenten an der Fed oder die neuen Zölle auf Güter aus China. Donald Trump mag das Musterbeispiel für die populistischen Gefahren für Demokratien sein, aber er ist nicht ihre Ursache. Trump ist nur das Symptom. Und wenn er in zwei oder auch sechs Jahren sein Amt verlassen hat (oder vielleicht sogar früher; warten wir es ab), hat sich an den Ursachen des Populismus nichts geändert. Sie liegen nämlich wesentlich tiefer.

 

Ungleichheiten

Nach Einschätzung von Oxfam ist die weltweite Ungleichheit im letzten Jahrzehnt deutlich gestiegen. 82 Prozent des im letzten Jahr geschaffenen Vermögens fielen dem reichsten Prozent der Weltbevölkerung zu. Nie zuvor ist die Zahl der Milliardäre so stark gestiegen wie 2017, während die Einkommen von Mittel- und Arbeiterschicht nur leicht zunahmen und sich die Staatsfinanzen verschlechterten. Weltweit ist die Armut zurückgegangen, aber die Ungleichheit ist im letzten Jahrzehnt deutlich gestiegen. Die außergewöhnlichen Wertpapierkaufprogramme der Notenbanken haben das Finanzsystem gerettet, aber nichts an der wachsenden Ungleichheit geändert. Doch sie ist der Nährboden für populistische Parteien. 

Aber was sollen Anleiheinvestoren jetzt, nach verstärkten Anzeichen für Volatilität in den letzten Tagen, tun?

 

Auswirkungen auf Anleihen

Viele Volkswirte sprechen vom Ende des Konjunkturzyklus in den USA und einer möglichen Rezession. Dennoch sollte man auch über politische Risiken nachdenken, die für Märkte und Volkswirtschaften mindestens so wichtig sein können wie wirtschaftliche Risiken. Für Anleiheinvestoren ist bei der Risikoeinschätzung zweierlei wichtig: Kann der Anleiheemittent (in diesem Fall der Staat) seine Schulden zurückzahlen; ist er also – erstens – zum Schuldendienst fähig? Und zweitens, ist er auch willens? 

Die erste Frage ist der Kern der Anleiheanalyse. Rechnerisch hängt die Rückzahlungsfähigkeit vom Primärbudget, dem nominalen Wirtschaftswachstum und den Kosten der Schulden, also den Zinsen, ab. Doch jetzt erhöhen Populisten die Staatsausgaben. In den USA, Italien und China ließ der massive Anstieg der Staatsausgaben die Defizite steigen. Für höhere Staatsausgaben in Zeiten wie diesen gibt es keinen Präzedenzfall: Seit über 50 Jahren wurden in den USA bei einer so niedrigen Arbeitslosenquote wie heute (unter 4 Prozent) keine Konjunkturprogramme aufgelegt. Auch das Ende der Austeritätspolitik in Italien, wo die Schuldenstandsquote etwa 130 Prozent beträgt, ist seit Gründung der Europäischen Union beispiellos. Die Staatsschulden dürften daher kaum fallen. Solange aber ein Land Kontrolle über seine Währung hat, kann es auch die Schulden zurückzahlen, indem es die Währung abwerten lässt. Für ein Euroraum-Land wie Italien ist dies aber zurzeit unmöglich. 

Die zweite Frage ist komplexer. Ob ein Land seine Schulden zurückzahlen will, hängt stark davon ab, wie gut es regiert wird und ob es Vereinbarungen einhält. Der Aufstieg des Populismus könnte diesen Willen schwächen. Die Geschichte lehrt uns, dass der enorme Anstieg der Zahlungsausfälle in Europa in den 1930er- und 1940er-Jahren vor allem politische Gründe hatte. Das galt für Österreich und Deutschland, wo Faschisten und Nationalsozialisten an die Macht kamen. Es galt aber auch für Russland, wo sich die bolschewistische Regierung 1918 schlichtweg weigerte, die Schulden des Zaren zu bedienen. Gerade erst haben finanzielle Ungleichgewichte und eine schlechte Staatsführung in vielen Ländern Afrikas und Lateinamerikas zu Problemen geführt. 

Die italienische Frage ist aus unserer Sicht in allererster Linie eine Frage des Willens. Wollen die Italiener und ihre Regierung Mitglied der Europäischen Union bleiben? Nach einer Umfrage von Eurobarometer/ASR wollen nur 30 Prozent der Italiener die EU verlassen. Allerdings sind es in Deutschland weniger als 10 Prozent. 30 Prozent scheinen nicht viel – aber gab es nicht etliche Umfragen, nach denen nur 35 Prozent der Briten 2015 die EU verlassen wollten? Eine neue Finanzkrise oder Rezession könnte Italiens Bindung an Europa weiter schwächen. Die politischen Entwicklungen muss man sorgfältig im Blick haben. Sicher scheint, dass Italien mit einem Austritt aus der EU seine Zahlungsfähigkeit verlieren würde.

 

ESG

Für Anleiheinvestoren ist es wichtiger als je zuvor, ESG-Faktoren, also ökologische, soziale und gesellschaftliche Faktoren, zu berücksichtigen. Es geht nicht nur um die Schuldentragfähigkeit, sondern auch um das Ausmaß der Korruption, Freiheits- und Bürgerrechte, die Unabhängigkeit der Notenbank und den Respekt gegenüber Institutionen. Ob ein Land die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung erfüllen kann, zeigt sich bei einer Analyse der sozialen Sicherheit und der Vermögensverteilung. Aber auch ökologische Kriterien werden für die Staatsschulden immer wichtiger. Der Umgang mit natürlichen Ressourcen und Umweltverschmutzung sind wichtige Themen. Alle Länder, Industrie- wie Schwellenländer, stehen vor den gleichen Herausforderungen. 

Zunehmende Ungleichheit, schlechte Staatsführung und systemische Risiken aufgrund des Klimawandels werden in den nächsten Jahren leider zu mehr Zahlungsausfällen führen. Die Integration von ESG-Kriterien ins Anleihemanagement ist daher nicht mehr nur eine Möglichkeit, sondern eine Notwendigkeit.



[1] Tom Olrik, Chefvolkswirt von Bloomberg Economics.